NOTAUFNAHME (D)
NOTAUFNAHME_UMF Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge

Worüber Sie in diesem Artikel lesen:


Inobhutnahme unbegleiteter Minderjähriger

Die Notaufnahme des Jugendamtes Stuttgart wurde schon in den 1950er Jahren geschaffen, um hilfsbedürftige Minderjährige aus Stuttgart und den umliegenden Landkreisen (sog. Streuner) sowie Flüchtlinge in Obhut nehmen zu können. Größtenteils werden die ver- zweifelten Jugendlichen und Kinder von der Polizei aufgegriffen und überbracht, die Unbe- gleiteten Minderjährigen Flüchtlinge (Amtsdeutsch: UMF) kommen meist am Stuttgarter Hauptbahnhof an.

Das Jugendamt der Landeshauptstadt Stuttgart war 2015 in besonderem Maße von der Ankunft minderjähriger Flüchtlinge betroffen, denn UMF wurden grundsätzlich dort in Obhut genommen und betreut, wo sie ankommen. Wurden von der Stuttgarter Notaufnahme 2005 noch 31 minderjährige Flüchtlinge aufgenommen, so stieg die Aufnahmezahl auf 260 UMF im Jahr 2014 an.  2015 schließlich wurde die Notaufnahme mit 989 UMF, davon ca. 500 Kinder und Jugendliche in den Monaten September – November, sozusagen „überrollt“.

Die Notaufnahme der Stadt Stuttgart

Bei den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, die ohne familiäre Anbindung in Stuttgart ankommen, ist die Notaufnahme des Jugendamtes vor gravierende Probleme gestellt. Die Kapazitäten wurden von ursprünglich 2 auf 13 Notaufnahme-Einrichtungen aufgestockt, in denen im Herbst 2015 bis zu 230 UMF untergebracht waren. War zunächst die Notaufnahme allein zuständig für die Erfassung und Betreuung aller in Stuttgart ankommenden UMF, werden seit November 2015 nun auch die Jugendlichen gemäß dem Königsteiner Abkommen innerhalb von 2-4 Wochen auf Stadt- und Landkreise in ganz Baden-Württemberg weitergegeben.

Dieses Verfahren führte dazu, dass die minderjährigen Flüchtlingen nun wieder ca. 4-6 Wochen in der städtischen Notaufnahme verweilen (vormals bis zu 6 Monate), um Alterseinschätzung, Gesundheitscheck, Beschulung und Vormundschaft zu klären und dann auf Jugendhilfeplätze (Kinderhäuser und Wohngruppen, Familien) verteilt zu werden.

Strukturierung des Alltags nach Ankunft der jugendlichen Flüchtlinge

Viele der ankommenden Jugendlichen sind nach den Erfahrungen in der Heimat, dem Verlassen der Familie und der langen Flucht unter Todesgefahr psychisch stark belastet und traumatisiert. Eine weitere Herausforderung bei der Ankunft in Deutschland ist der Kultur- schock, wenn die UMF aus ganz anderen, häufig ländlichen Verhältnissen kommen. In vielen Fällen ist auch keinerlei sprachliche Verständigung möglich.

Umso wichtiger ist eine willkommene Ankunft in einer sicheren Unterkunft, wo die verängstigten und oft traumatisierten Kinder und Jugendlichen erst einmal zu sich selber finden können. In der Notaufnahme wird sofort nach Ankunft eine – für die Jugendlichen hilfreiche – Tagesstruktur geschaffen durch pünktliches Aufstehen, gemeinsames Essen, feste Zeiten zum Ausgehen, für Sprachkurse und alltagspraktisches Training.

Beschulungsprojekt der Stuttgarter Notaufnahme

Auf einer Klausurtagung des Jugendschutzes im Mai 2012 stellten zwei ehemalige Sozialpädagogik-Studierende der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg ein Pilotprojekt zur sog. „Alltagsorientierten Beschulung“ vor, das seit Sommer 2012 in die Praxis umgesetzt wird. Die UMF leben oft wochenlang in der Notaufnahme, bevor der weitere Verbleib bzw. die Weichenstellung für die nächste Zukunft geklärt wird und u.a. eine Regel-Beschulung (Sprachkurs, Internationale Vorbereitungsklassen) beginnen kann.

Die fehlende Beschäftigung ruft bei den jungen Menschen oft Lethargie und depressive Verstimmungen hervor. Zudem bedeutet dieser Zeitraum ungenutzte Möglichkeiten für die Flüchtlinge im Hinblick auf eine möglichst rasche Integration im sprachlichen Bereich. Das Alltagsorientierte Beschulungsprojekt setzt genau hier an und stellt eine erste Vorbereitung auf den späteren Sprachkurs/Deutschkurs dar.

Eine wichtige Ergänzung ist der freizeitpädagogische Teil, d.h. die Vermittlung der Sprache orientiert sich nicht nur am klassischen Unterrichts- bzw. Klassenzimmerrahmen, sondern an der Lebenswelt und dem neuen Lebensumfeld der jungen Menschen. Der Lernprozess in der Notaufnahme gibt zudem wichtige Hinweise darauf, welche Anschlusshilfe nach der Notaufnahme passend sein könnte und welchen genauen Unterstützungsbedarf der Flüchtling hat.

Anpassung der Projektstruktur an die neuen Anforderungen

Seit Herbst 2013 haben Studierende der Sozialpädagogik der EH-Ludwigsburg als Prakti- kanten einen festen Platz in der Projektstruktur und verantworten mit den hauptamtlichen Mitarbeiter/innen der Notaufnahme neben der inhaltlichen Ausgestaltung (Beschulung und Freizeit) auch die Weiterentwicklung des Angebotes (durch Austausch mit wichtigen Kooperationspartnern). Anfang 2015 wurde mit der EH-Ludwigsburg ein Kooperations- vertrag abgeschlossen, wonach sich Studenten der sozialen Arbeit im Projektstudium (3. und 4. Semester) insgesamt 150 Stunden in der UMF-Notaufnahme engagieren, was für die Studierenden durchschnittlich rund 5 – 7 Stunden Unterricht pro Woche bedeutet.

Neben den immer jüngeren UMF-Ankömmlingen und der Verlängerung der Aufenthalts- dauer in der Notaufnahme (zeitweise bis zu 6 Monate wegen Engpässen in der Weitervermittlung) zeigte sich eine ausgesprochen große Bildungs-Bandbreite der UMF (vom Analphabeten bis zum angehenden Akademiker), die eine bessere Differenzierung in der Beschulung notwendig macht, um dem Einzelnen besser gerecht zu werden. Diese Fähigkeit liegt jedoch jenseits der sozialpädagogischen Grundkompetenzen, die den Studierenden vermittelt werden bzw. die in der Notaufnahme vorhanden sind.

Kompetenzerwerb „Deutsch als Fremdsprache“

Die sprachliche Integration ist entscheidende Voraussetzung für eine gelingende Integration der jungen Flüchtlinge in das neue Lebensumfeld. Deshalb ist eine Differenzierung in der Beschulung der jungen Flüchtlinge je nach Vorbildung wichtig. Insbesondere die Alphabetisierungs-Kurse stellten die Sozialpädagogik-Studierenden jedoch vor große Probleme, weshalb eine unterrichts-begleitende Schulung durch eine 50% Fachkraft zur Vermittlung von „Deutsch als Fremdsprache“ durch die LL-Stiftung gefördert wurde, die alle studierenden, ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeiter/innen in der Vermittlung von Sprachfähigkeiten anleiten sollte.

Aufgrund der steigenden UMF-Zahlen 2015 und der damit verbundenen Überbelegung der Wohnquartiere, entschied die Notaufnahme im Herbst 2015, die Sprachkurse täglich anzubieten und zusätzlich nachmittags Freizeitangebote durchzuführen, damit eine stärkere Strukturierung des Alltags möglichen Konflikten in den überfüllten Unterkünften entgegenwirkt.

Die Förderzusagen des Rotary Clubs  (€ 50.000 p.a. für 3 Jahre) und von Weihnachtsmann & Co. (€ 35.000 p.a. für 3 Jahre) ermöglichten den Einsatz von zurzeit 7 DaF-Fachkräften für die täglichen Sprachkurse. Die Studierenden und die ehrenamtlich tätigen Helfer übernehmen seither den freizeitpädagogischen Teil. Das hat den Vorteil, dass die Studierenden nun näher an ihrem Studienfach eingesetzt werden können, und die Zusatzqualifikation DaF nicht erwerben müssen.

Da die LL-Stiftung sich zurzeit vermehrt in der Flüchtlingsarbeit und der gelingenden Integration in die aufnehmende Gesellschaft engagiert, ist diese Weiterentwicklung des bisher so erfolgreichen Projektes „Alltagsorientierte UMF-Beschulung“ in der Stuttgarter Notaufnahme eine sehr willkommene Fördermaßnahme. Wenn dazuhin ein Handbuch durch die Studierenden erstellt wird, das auch den in der Notaufnahme erarbeiteten Wissenstransfer für andere Organisationen in der Flüchtlingsarbeit erleichtert, so kommt das unserem Anspruch an ein sehr gutes, mittelfristig angelegtes Förderprojekt sehr entgegen.

Warum fördert die LL-Stiftung das Projekt NOTAUFNAHME?

„In Zusammenarbeit mit dem Jugendamt Stuttgart konnte die Louis Leitz Stiftung schon mehrere Projekte unterstützen, die der Initiative besonders engagierter Mitarbeiter entsprangen. Auch die Notaufnahme der Stadt Stuttgart sucht und realisiert neue Wege, um den jungen Flüchtlingen die Ankunft und Integration in der neuen Heimat zu erleichtern.

Besonders beeindruckt hat mich die sofortige Wirksamkeit der Tagesstrukturierung für die neu angekommenen, jugendlichen Flüchtlinge, die nach den belastenden Fluchterfahrungen doch wieder etwas Halt vermitteln kann. Und die Zusammenarbeit mit den Studierenden der EH-Ludwigsburg zeigt eindrucksvoll auf, dass auch kommunale Ämter zur Kooperation fähig und willens sind und damit eine Win-Win-Situation gestalten können.“

Magit Leitz
Projektpatin NOTAUFNAHME_UMF

Weitere Informationen unter www.stuttgart.de

Stand: Mai 2016