CHANCENWERK (D)

CHANCENWERK Lernkaskade

Worüber Sie in diesem Artikel lesen:


Bildungserfolg bestimmt maßgeblich Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe

In Deutschland ist die sozio-ökonomische Situation der Familie ausschlaggebend für einen erfolgreichen Bildungsverlauf. Die frühe Differenzierung in das dreigliedrige Schulsystem führt zu einer Verschärfung der sozialen Selektion – mit wenig Raum in der Schule, um mögliche Schwächen aufzuarbeiten.

Es gibt nach wie vor große Unterschiede in der Entwicklung von Kindern aus Akademiker- und Arbeiterfamilien. Die Reproduktion bekannter Strukturen ist einfacher, als den Aufbruch auf neuen, unbekannten Wegen zu wagen. Außerdem haben Eltern mit geringerem Einkommen häufig keinen Zugang zu Vereinen und Kultur sowie schlechtere ökonomische Möglichkeiten, um ihre Kinder zu fördern. Daher studieren aktuell 77 von
100 Kindern aus Akademikerfamilien, aber nur 23 von 100 Kindern aus Facharbeiter-
familien.

Gleiche Bildungs- und Teilhabechancen sind wichtig – nicht nur für die persönliche Ent-
wicklung jedes Einzelnen, sondern auch auf gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene:
Im Jahr 2012 standen 33.000 unbesetzten Ausbildungsstellen 15.000 BewerberInnen ohne Ausbildungsplatz gegenüber. Fachkräftemangel ist ein zunehmendes Problem, das sich aufgrund der demographischen Entwicklung noch verschärft. Gleichzeitig ist der Übergang in die Ausbildung für eine hohe Anzahl junger Menschen immer noch schwierig. Die Förder-
ung der Potenziale von Kindern und Jugendlichen, deren Eltern einen geringeren sozio-ökonomischen Status haben, ist daher dringend notwendig.

Potenzial entfalten unabhängig vom familiären Hintergrund

Kinder mit Problemen im Übergang auf weiterführende Schulen oder in den Beruf brauchen Unterstützung. Das Recht auf Bildung ist gesetzlich verankert, muss aber auch eingefordert werden können. Regelschulen in Deutschland können den Förderbedarf meist nicht eigen-
ständig decken und Eltern können aus verschiedenen Gründen diese Unterstützung auch nicht leisten – daraus entsteht ein großer Bedarf an außerschulischer Betreuung.

Konventionelle Nachhilfe – in Deutschland werden jährlich 1,5 Mrd. Euro in externe Nach-
hilfe investiert – kann die Lücken im Schulsystem nicht schließen, da sie aus finanziellen Gründen keine Chancengleichheit zulässt. Der Ausbau der Ganztagsschulen, verbunden mit intensiver Betreuung durch sozialpädagogische Fachkräfte und der Einbindung von externen Vereinen, soll der immer größer werdenden Kluft zwischen Kindern unterschied-
lichen Hintergrunds entgegenwirken. Gleichzeitig gibt es seit 2011 das Bildungs- und Teilhabepaket, das Kindern und Jugendlichen aus bedürftigen Familien für kulturelle Angebote und Lernförderung zur Verfügung steht. Oft sind die bürokratischen Hürden jedoch so groß, dass die Mittel von vielen Betroffenen nicht abgerufen werden. In dieser gesamtgesellschaftlichen Herausforderung kommt Sozialunternehmen wie dem Chancen-
werk eine wichtige Rolle zu.

Wie funktioniert die Lernkaskade?

Die Chancenwerk Lernkaskade basiert auf der Bildung von Lernteams: In Intensivkursen werden jeweils sechs Schülerinnen und Schüler (ab Klasse 9) von einer studentischen Honorarkraft in ihren Problemfächern gefördert. Diese älteren Schüler unterstützen wiederum jüngere Mitschüler (bis Klasse 8) und unter Anleitung eines Studierenden bei schulischen Aufgaben. Diese Lernförderungsteams bestehen aus 3 älteren und 12 jüngeren SchülerInnen.

Vorhandene Ressourcen der Schule werden damit aktiviert und qualitativ hochwertige Hilfe wird für jeden erreichbar. Die Eltern der jüngeren Schüler zahlen einen kleinen Beitrag – für die älteren ist die Teilnahme kostenfrei. Zudem ist Chancenwerk in vielen Bundesländern für das Bildungs- und Teilhabepaket zertifiziert, sodass dann die Vollkosten für berechtigte Schüler übernommen werden können.

Das innovative und nachhaltige Modell der „Lernkaskade“ mit dem System „Lernen durch Vorbilder“ ermöglicht so Bildung unabhängig von Herkunft und Geldbeutel, indem es ins-
besondere bildungsbenachteiligte junge Menschen aktiviert und fördert.

Um in der Breite eine hohe Qualität des pädagogischen Angebotes zu gewährleisten, wurde vor einigen Jahren das Fortbildungsangebot der „Chancenwerk-Akademie“ entwickelt. Mit einem erfahrenen Dozenten aus der Lehrerfortbildung wurden dazu zunächst entsprech-
ende didaktische Module konzipiert. Im zweiten Schritt wurden geeignete studentische Mitarbeiter mit längerer Chancenwerk-Erfahrung zu Trainern ausgebildet, die nun ältere Schüler und weitere Studierende für ihre jeweilige Rolle in der „Lernkaskade“ qualifizieren. Für die älteren Schüler werden dazu Seminare zu den Themenbereichen „Pädagogisches Rollenverständnis“, „Vermittlungskompetenz“ und „Lernstrategien“ angeboten. Mittlerweile wurde dieses Angebot um weitere Module zur Persönlichkeitsentwicklung ergänzt, die im Rahmen des hier beschriebenen Projekts ebenfalls zum Einsatz kommen. Schwerpunkte liegen dabei auf Themen wie „Ziele setzen und erreichen“, „Selbstorganisation“ und „Persönliche Wertvorstellungen“.

Projektstart in Stuttgart

In Stuttgart ist Chancenwerk seit April 2015 aktiv. Nach einer Vorstellung des Konzepts im Stuttgarter Stiftungskreis „Chancen für Bildung und Arbeit“ signalisierten verschiedene Stiftungen Interesse an einer Zusammenarbeit. Die anschließende Sondierungsphase bei einer großen Anzahl Stuttgarter Schulen resultierte in einem Projektstart an vier interes-
sierten Kooperations-Schulen im ersten Quartal 2016. Gemeinsam mit der Gips-Schüle-Stiftung fördert die LL-Stiftung eine dieser Schulen über voraussichtlich 3 Jahre, drei weitere Stiftungen sind an der Förderung der anderen Schulen beteiligt. An der Realschule Ostheim, der Rilke Realschule, der Elise von König-Gemeinschaftsschule und an der Steinenberg-
schule gab es Informationsveranstaltungen für die älteren Schüler und für interessierte Schüler wurden Befähigungsworkshops durchgeführt. Alle Eltern wurden auf Elternabenden informiert und die Lernförderzeiten sowie Inhalt und Zeiten für die Intensivkurse mit den jeweiligen Schulen abgestimmt.

Im März 2016 profitierten bereits 138 Kinder und Jugendliche von den Chancenwerk-Angeboten. Insgesamt sollen ca. 220 Schüler an den 4 Kooperationsschulen erreicht werden; ihre schulischen Leistungen verbessern und in ihrer Sozialkompetenz, Persönlichkeitsentwicklung und Verantwortungsübernahme profitieren.

Was bewirkt Chancenwerk? 

Die jüngeren Schüler profitieren durch die Unterstützung hinsichtlich des schulischen Lernens und werden durch das Vorbild der älteren Mitschüler motiviert. Sie bekommen Mentoren und Ansprechpartner zur Seite, an die sie sich mit allerlei Problemen wenden können. Für die älteren Schüler stellt die Lernbetreuung ein wesentliches Lernfeld dar, in dem sie sich hinsichtlich Verantwortungsbereitschaft und sozialer Kompetenzen weiter-
entwickeln. Sie lernen, Verantwortung für sich und die Jüngeren zu übernehmen, geduldig und empathisch zu sein. Bei Schwierigkeiten steht den Schülern immer ein kompetentes studentisches Team zur Seite.

Chancenwerk gewährleistet mit einer intensiven pädagogischen Begleitung und einem fundierten Fortbildungsangebot für die Studierenden und älteren Schüler eine hohe Qualität der pädagogischen Arbeit. Durch das System von „Geben und Nehmen“ erleben die teilnehmenden Jugendlichen Vorbilder: Den jeweils etwas älteren Tutoren gelingt es, „ihre“ Schüler intensiv zu bewegen und in ihnen eigenes Engagement und die Übernahme von Verantwortung zu wecken. Somit bewirkt die Lernkaskade viel mehr als schulischen Erfolg: Sie stärkt den Zusammenhalt der Schulgemeinschaft und gibt einer Schulkultur des „Füreinander da seins“ einen neuen Stellenwert. Durch den Einsatz von Rollenvorbildern werden alle Schüler in ihren schulischen Leistungen gestärkt, zu höheren Bildungs-
abschlüssen ermutigt, zur späteren eigenen Sicherung ihrer Grundversorgung befähigt und dadurch nachhaltig und aktiv in die Gesellschaft integriert.

Zu den Indikatoren des Projekterfolges gehören die Schülerzahlen, die Entwicklung der schulischen Leistungen der Schüler und die Zufriedenheit der Schüler mit der Lern-
betreuung. Chancenwerk e.V. hat daher ein systematisches Qualitätsmanagement entwickelt, bei dem die umgesetzten Lernangebote von erfahrenen Mitarbeitern „unter die Lupe“ genommen werden. So wird eine kontinuierliche Qualitätsverbesserung erreicht. Bestandteil dieses Vorgehens sind Teilnehmerbefragungen, die auch in Stuttgart zum Ende des Schuljahres durchgeführt werden sollen.

Warum fördert die LL-Stiftung das Projekt CHANCENWERK Lernkaskade? 

„Das Konzept der Lernkaskade – Schüler helfen Schülern – nutzt die Ressourcen der beteiligten Schulen, so dass mit überschaubarem externen Input für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen weitgehend kostenneutrale Nachhilfe angeboten werden kann. Diese lernen von- und miteinander und verbessern nicht nur ihre Schulnoten, sondern auch ihre Sozialkompetenzen, ihr Verantwortungsbewusstsein und ihr Selbstmanagagement. Es entsteht eine Win-Win Situation, die die LL-Stiftungsvorstände und weitere Mitglieder des Stiftungskreises „Chancen für Bildung und Arbeit“  auf Anhieb beeindruckte. Wir freuen uns, dass wir Chancenwerk beim Start in Stuttgart unterstützen können, denn ein erfolgreicher Bildungsweg soll nicht vom sozialen Hintergrund abhängig sein!“

Marion Hinte
Projektbetreuung (interim) CHANCENWERK

Weitere Informationen unter http://www.chancenwerk.de/

Stand: Juli 2016