Auslandsförderung: Bosnien-Herzegowina

MEDICA Zenica

Die deutsche Ärztin Monika Hauser gründete 1993 in Zenica das Zentrum MEDICA Zenica, das bis heute traumatisierten Frauen und ihren Kindern mit psychologischer Betreuung, Zuflucht, Kinderbetreuung und handwerklicher Ausbildung hilft.

Ziel ist es, persönliche Stabilität, wirtschaftliche Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zu fördern, Gewalt vorzubeugen und Solidarität unter Frauen zu stärken – trotz anhaltender sozialer, wirtschaftlicher und politischer Probleme.

Seit 2002 fördert die Louis Leitz Stiftung den Bereich „Economic Empowerment“: Ergotherapie, handwerkliche Kurzausbildungungen und Trainings in lebenspraktischen Kompetenzen für jährlich insgesamt 30-40 Frauen und Mädchen, die wegen sexualisierter Gewalt psychosozial im Schutzhaus betreut werden. Die Förderung erfolgt seit 2009 aus dem Stiftungsfonds „Osteuropa“.

Warum unterstützt die LL-Stiftung das Projekt MEDICA?

„MEDICA war das erste Förderprojekt der Louis Leitz Stiftung. Durch guten Kontakt und regelmäßige Besuche konnten wir die schwierige politische Entwicklung Bosniens und den großen gesellschaftlichen Einfluss von MEDICA mitbekommen. Wir lernten Frauen kennen, die mit Unterstützung der vielschichtigen Arbeit von MEDICA die Folgen ihrer Traumata überwinden und durch Ausbildung und Arbeit ihre ökonomische Situation und ihre Stellung in Gesellschaft und Familie verbessern konnten. Uns beeindruckt das menschliche, politische und fachliche Engagement der Frauen vor Ort, die MEDICA geprägt und mit so großer Kompetenz weiterentwickelt haben. Wir danken der großzügigen Stifterin, die 2007 die Mittel für den Stiftungsfonds Osteuropa zur Verfügung stellte und damit diese langjährige Förderung weiterhin ermöglicht.“

Ute Leitz und Margit Leitz
Projektpatinnen MEDICA (2002-2026)

Weitere Informationen unter www.medicazenica.org und unter www.medicamondiale.org.

Krieg ist immer Gewalt gegen Frauen

In den 1990er-Jahren erlebten Frauen in Bosnien-Herzegowina während des Krieges extreme Gewalt, darunter systematische Vergewaltigungen.

Organisierte Gewalt und Folter hinterlassen tiefe innere Verletzungen der Seele und Persönlichkeit, auch transgenerational bei nachfolgenden Generationen. Das Beziehungsgefüge der Gesellschaft und das Vertrauen in diese bricht auseinander. Schamgefühle und die Tabuisierung sexualisierter Gewalt gegen Frauen erschweren die Überwindung der traumatischen Erfahrungen.

Dreißig Jahre nach Beendigung der Kriegshandlungen (1992-1995) brauchen die damals jungen Mädchen und Frauen noch immer Hilfe. Sie sind als Flüchtlinge und Rückkehrerinnen, als Aussagende im Den Haager Kriegstribunal, mit dem Erlebten immer wieder konfrontiert (Retraumatisierung). Die Gesellschaft dieses Vielvölkerstaates leidet seit 1995 unter den Nachkriegsfolgen: zerstörte familiäre Beziehungen; emotionale, wirtschaftliche und körperliche Gewalt der Männer (erhöhte häusliche Gewalt); Armut und Arbeitslosigkeit; wirtschaftliche Perspektivlosigkeit; die fast unmögliche Versöhnung zwischen den Ethnien (Neuverteilung der Gebiete nach dem Vertrag von Dayton), sowie die neue komplexe, politische und administrative Staatsstruktur.

Lebenshilfe für Gewalt-traumatisierte Frauen in Bosnien-Herzegowina

Die Kölner Gynäkologin Monika Hauser – 2008 mit dem „Alternativen Nobelpreis“ bedacht – gründete 1993 mit ihrer Hilfsorganisation medica mondiale in der bosnischen Stadt Zenica das Therapiezentrum MEDICA Zenica für kriegstraumatisierte Frauen, Überlebende sexualisierter Gewalt, und ihre Kinder. Mitten im Krieg arbeiteten kroatische, serbische und bosniakische (muslimische) Bosnierinnen weiterhin zusammen. Dieses Miteinander ist, neben dem ganzheitlichen und interdisziplinären Ansatz, bis heute eine wesentliche Grundlage von MEDICA. Unter dem Motto „Frauen. Frieden. Solidarität“ ist MEDICA Zenica zudem für Frauenrechte gesellschaftlich und politisch engagiert, 2025 liegt ein Fokus auf der Vernetzung von und mit weiteren Frauenorganisationen, die im ländlichen Bereich aktiv sind.

Unterstützung und Existenzsicherung durch ein integratives Konzept

MEDICA Zenica bietet Frauen Beratung und therapeutische Unterstützung in der Beratungsstelle, Zuflucht im Schutzhaus, Betreuung und psycho-soziale Begleitung für ihre Kinder im angeschlossenen Kindergarten, sowie handwerkliche Kurzausbildungen bzw. ergo-therapeutsche Maßnahmen, begleitet durch Trainings in lebenspraktischen Kompetenzen und Bewusstseinsbildung für mehr Chancen auf gesellschaftliche und politische Partizipation. Durch persönliche Stabilisierung und berufliche Qualifizierung erhalten die Frauen „Hilfe zur Selbsthilfe“ für ihre persönliche und materielle Eigenständigkeit.

Umfassende Qualifizierung der betreuten Frauen

Bei durchschnittlich weit über 50% Arbeitslosigkeit (60% bei jungen Erwachsenen) in Bosnien-Herzegowina (BiH) haben Frauen und Mädchen am ehesten eine Chance mit Hilfe einer praktischen, handwerklichen Ausbildung ihre Existenz zu sichern. „Mit einem Kamm und einer Schere in der Tasche verhungerst du nicht …“ (die Ausbilderin der Friseurwerkstatt).

Das Ausbildungszentrum MEDICA Zenica bietet berufsbildende Kurse zur Schneiderin und zur Friseurin, jeweils mit staatlich anerkanntem Zertifikat. In sechsmonatigen Ausbildungskursen erarbeiten sich jährlich etwa 15 Frauen und Mädchen das Zertifikat. 20 Frauen nehmen an ergotherapeutischen Maßnahmen teil, die für eine spätere Ausbildung motivieren soll.

Medica ist auch in den Dörfern

Seit Anfang 2009 wurden zusätzlich Schneiderinnen an zwei ländlichen Standorten ausgebildet; über 60 Frauen zwischen 15 und 55 Jahren waren es 2015. Diese Frauen erhalten zusätzlich Kurse zum „Bewusstseinstraining“ in erzieherisch-therapeutischen Workshops, um mit interfamiliären Konflikten und Gewalt besser umgehen zu können.

Traditionelle, maskuline Rollenbilder, Entzug jeglicher Autonomie für unverheiratete und verheiratete Frauen und geschlechtsspezifische Gewalt sind ein großes Problem. Dank dieser Kurse lernen sich Frauen eines gleichen Dorfes kennen, über ihr Leben sprechen, erleben Solidarität und positive Stärkung ihrer Person und ihrer Fähigkeiten.

Unterstützung beim Übergang in die Selbstständigkeit

Die Mitarbeiterinnen, zum Teil selbst Überlebende von Gewalt, sorgen dafür, dass die Frauen über die berufliche Ausbildung hinaus ihre persönlichen Potentiale wiederentdecken und entwickeln können. Im gewaltfreien Zusammen-Leben, Zusammen-Arbeiten, Konflikte-Lösen, Voneinander-Lernen und in der menschlichen Wertschätzung können Kraft, Mut und Zuversicht für die eigenständige Gestaltung des Lebens wachsen. Medica begleitet die Frauen beim Übergang in die Berufsausübung, hat Abkommen mit Betrieben initiiert und pflegt die gute Zusammenarbeit mit den Arbeitsagenturen.

Die Absolventinnen der Schneider- und Polster-Kurse finden – abhängig vom Standort und wirtschaftlicher Lage – Arbeit in Fabriken oder Werkstätten (z.B. KFZ-Zulieferer, Sitzbezüge). In einigen Städten konnten ehemalige Kursteilnehmerinnen eigene Gewerbe eröffnen. Andere machen mit den erlernten Techniken Heimarbeit.

Die mittelfristige Zukunft des MEDICA Ausbildungszentrums

In der Zusammenarbeit mit der Kommune wurden große Erfolge erzielt. Das Sozialamt stellt seit 2007 „Not-Shelterbetten“ und zwei Therapieräume zur Verfügung. In 2008 erreichte MEDICA kostenlose, medizinische Versorgung und Untersuchungen im Zenica Krankenhaus für die im Shelterhouse aufgenommenen Frauen und Kinder.

Frauen sind von der Arbeitslosigkeit direkt betroffen, aber auch indirekt durch ihre arbeitslosen Männer und vermehrte häusliche Gewalt. In der wirtschaftlich prekären Lage nimmt das Gewaltpotential in Gesellschaft und Familie leider eher zu. Durch die finanzielle Förderung und mehrere Kooperationen dokumentieren sowohl die Stadt Zenica als auch der Kanton (UNDP) den Stellenwert der Angebote von MEDICA Zenica, das jedoch auch zukünftig von den Fördermitteln verschiedener internationaler NGO’s abhängig bleiben wird.

Die Mitarbeiterinnen kämpfen Jahr für Jahr darum, die Arbeit im MEDICA Ausbildungszentrum fortführen zu können, mit beeindruckenden Ergebnissen: Während der letzten 30 Jahre konnten 3.000 Frauen und Mädchen im Schutzhaus betreut werden. 1.800 von ihnen haben erfolgreich an den Kursen zum „economic empowerment“ teilgenommen (mehr lesen… )

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